Eva Lichtspiele

Blissestraße 18
10713 Berlin
U Blissestrasse oder Bus 101, 104, 249
Tel.: 030 / 922 55 305
Wir zeigen heute,
Montag, den 15.04.2024:


15:00 Eva:
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17:45 Eva:
Arrow Kleine schmutzige Briefe

20:15 Eva:
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Eintrittspreise

mit Sandra Hüller, frisch mit dem deutschen Filmpreis gekürt!

Anatomie eines Falls

Gefühle vor Gericht...>

... wieder am Samstag (13.4.) um 17:15 Uhr in DF in den Eva-Lichtspielen !

Auf den ersten Blick ein klassisches Gerichtsdrama, das den scheinbaren Unfalltod eines Mannes verhandelt. Auf den zweiten Blick offenbart Justine Triets „Anatomy of a Fall“ jedoch Subtexte, in denen es um vielschichtige Themen geht: Wahrheit und Wahrnehmung, Konstruktion von Realität, falsche Tatsachen. Ein stilistisch zwar konventioneller, inhaltlich aber komplexer Film, der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Anatomie d´une chute
Frankreich 2023
Regie: Justine Triet
Buch: Justine Triet, Arthur Harari
Darsteller:Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado Graner, Antoine Reinartz, Samuel Theis, Jehnny Beth, Saadia Bentaïeb, Camille Rutherford
Länge: 151 Minuten


FILMKRITIK:
Sie muss erst etwas erleben, bevor sie schreiben kann, sagt die Schriftstellerin Sandra (Sandra Hüller) zu der jungen Studentin, die sie für ihre Doktorarbeit interviewt. In einem abgelegenen Chalet in den französischen Alpen wohnt Sandra, die eigentlich aus Deutschland stammt, wegen ihres Mannes aber nach Frankreich gezogen ist und die Sprache gut beherrscht. Doch in der Ehe mit Samuel (Samuel Theis) scheint es zu kriseln, offenbar um das Interview zu stören lässt Samuel laute Musik laufen.

Kurz nachdem die Studentin das Haus verlassen hat wird Samuel tot aufgefunden, augenscheinlich aus der dritten Etage des Chalets gestürzt, ob durch Selbstmord oder Fremdeinwirkung bleibt offen. Die Ermittlungen der Polizei geben kein klares Bild, das Fehlen von eindeutigen Beweisen lässt auch Sandra als Tatverdächtige möglich werden. Zusammen mit ihrem Anwalt Vincent (Swann Arlaud) bereitet sie sich auf eine mögliche Anklage vor und so kommt es auch: Die Autorin steht wegen Mord vor Gericht und auch ihr Sohn Daniel (Milo Machado-Graner) muss als Zeuge aussagen.

Weite Teile von Justine Triets „Anatomy of a Fall“ spielen vor Gericht, minutiös wird die langwierige Verhandlung geschildert, die Aussagen von Sandra, Daniel und anderen Zeugen. Doch auch wenn der Titel deutlich auf Otto Premingers Klassiker „Anatomy of a Murder“ anspielt hat Triet anderes im Sinn als einen bloßen Gerichtsfilm. Sie erzählt von der schwierigen, oft nicht zu beantwortenden Suche nach der Wahrheit, nach Fakten, vom meist zum Scheitern verurteilten Versuch, sich anhand von wenigen Indizien, versprengten Aussagen, Tonbandaufzeichnungen und anderen Hinweisen, ein klares Bild zu machen.

Unweigerlich muss man hier an #metoo denken, an die unzähligen Fälle, in denen in den letzten Jahren ein Mensch unter Verdacht geriet und schnell auf Grund weniger Hinweise, einzelnen Zeugenaussagen von der öffentlichen Meinung verurteilt wurde, mal zu Recht, mal aber auch zu Unrecht.

In „Anatomy of a Fall“ ist es nun interessanterweise eine Frau, deren Ambivalenzen sie verdächtig macht, die aber vor allem eine komplexe Person ist, die nicht einfach auf einen klaren Nenner zu bringen ist. Allein die Sprache macht es schwierig: Als Deutsche in einem fremden Land, gut Französisch sprechend, aber vor Gericht dann doch auf das universelle Englisch zurückgreifend, was allerdings für keinen der Beteiligten die Muttersprache ist. Lost in Translation sozusagen, was erst recht für manche Zeugenaussagen gilt, aber auch für scheinbar objektive Tonbandaufnahmen. Einen Streit zwischen dem Paar hatte Samuel insgeheim aufgenommen, der nun als Beweis der Anklage dient. Doch wie eindeutig ist das, was man da hört eigentlich? Anfangs unterlegt Triet die Tonbandaufnahme noch mit den Bildern des Streites, später springt sie in den Gerichtssaal zurück, so dass man nur hört, aber keine Bilder mehr sieht. Und wenn dann Geschirr zerbricht, Dinge zu Boden fallen muss man sich fragen, was denn da genau passiert ist und letztendlich zum Schluss kommen, dass man es nicht genau weiß.

Das mag unbefriedigend sein, gerade vor Gericht, gerade in der Realität, wenn es um #metoo-Vorwürfe geht, aber gerade in solchen Fällen darf sich eine demokratische Gesellschaft glücklich schätzen, dass die Unschuldsvermutung gilt. In diesem Sinne ist es nur konsequent, wie Justine Triet ihren Film enden lässt, wie sie sich einer klaren Antwort in Bezug auf Sandras Schuld entzieht. In der Rolle der undurchschaubaren Schriftstellerin brilliert Sandra Hüller, die zum zweiten Mal mit Triet zusammenarbeitete und mit ihrer Darstellung stark dazu beigetragen haben dürfte, dass ihre Regisseurin als erst dritte Frau nach Jane Campion und Julia Ducournau mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Michael Meyns (programmkino.de)


Das Schriftstellerpaar Sandra und Samuel lebt mit dem gemeinsamen Sohn Daniel auf einer Berghütte. Als Daniel von einem Spaziergang mit dem Hund zurückkehrt, liegt sein Vater tot vor dem Haus. Hat Sandra ihren Ehemann aus dem Fenster gestoßen?

Die erfolgreiche Schriftstellerin Sandra (Sandra Hüller) wird in der Bergvilla, die sie mit ihrem ebenfalls schreibenden Ehemann Samuel (Samuel Theis) und dem blinden Sohn Daniel (Milo Machado Graner) bewohnt, von einer Studentin interviewt. Samuel, der in einem höheren Stockwerk vor sich hin renoviert, spielt bei voller Lautstärke 50 Cents Song „P.I.M.P“ und stört das Interview, das die Frauen daraufhin abbrechen. Sandra wird später sagen, sie habe sich schlafen gelegt. Daniel geht mit dem Hund spazieren. Als der Junge zurückkehrt, liegt sein Vater tot neben einem Schuppen. Offenbar ist er aus einem Fenster im Dachgeschoss gestürzt.
Der Staatsanwalt klagt Sandra des Mordes an ihrem Ehemann an. Deren Rechtsanwalt und alter Freund argumentiert, dass Samuel sich das Leben genommen hat. Es werden zwei Studien zum Bewegungsablauf angefertigt, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Beweise gibt es nicht. Als Gerichtsfilm mit einem teuflischen Staatsanwalt und einem Fall, der in keinem Gericht der wirklichen Welt zur Verhandlung kommen würde, funktioniert ANATOMIE EINES FALLS, der dieses Jahr die goldene Palme in Cannes gewonnen hat, eher schlecht. Interessant ist dagegen das Porträt der Beziehung zwischen Sandra und Samuel. Beide Ehepartner schreiben, aber Samuel hat seine Romanversuche nie fertigbekommen. Er wirft Sandra im Streit vor, seine Idee für ihren Besteller gestohlen zu haben. Sie behauptet, nur eine Idee Samuels mit dessen Einverständnis benutzt zu haben. Er wirft ihr vor, ihn zu benutzen, sie wirft ihm vor, über ihr Leben zu bestimmen. Die Szene, in der dieser Konflikt eskaliert, ist einer der dramatischen Höhepunkte des Films. Diese ANATOMIE EINES FALLS produziert zwar ein Ergebnis und ein Urteil, aber keinerlei Gewissheit. Es gibt nur Erzählungen. (indiekino.de)