Eva Lichtspiele

Blissestraße 18
10713 Berlin
U Blissestrasse oder Bus 101, 104, 249
Tel.: 030 / 922 55 305
Wir zeigen heute,
Donnerstag, den 02.02.2023:


13:30 Eva:
Arrow Mission Ulja Funk

15:30 Eva:
Arrow Was man von hier aus sehen kann

18:00 Eva:
Arrow Maria träumt

20:30 Eva:
Arrow Was man von hier aus sehen kann

Eintrittspreise

Ein Triumph

... wieder am Samstag (21.1.) um 18:00 Uhr in den Eva-Lichtspielen !

Eine Komödie mit viel Herz und Humor, die trotz ihres hohen Unterhaltungswerts und bei allem Amüsement ziemlich anspruchsvoll ist: Es geht um die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur und ihre Bedeutung – das Ganze erzählt am Beispiel eines engagierten Theatermannes und einer Gruppe von Häftlingen, die gemeinsam „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett auf die Bühne bringen. Der mehrfach preisgekrönte Film (u. a. Europäischer Filmpreis für die beste Komödie) lief in Frankreich sehr erfolgreich und kommt nun endlich auch in die deutschen Kinos.

Originaltitel: Un Triomphe
Frankreich 2020
Regie: Emmanuel Courcol
Drehbuch: Khaled Amara, Emmanuel Courcol, Thierry de Carbonnières
Darsteller: Kad Merad, David Ayala, Lamine Cissokho, Pierre Lottin, Marina Hands
Länge: 105 Minuten


FILMKRITIK:

Etienne ist ein älterer, unterbeschäftigter Schauspieler, der schon länger nicht mehr auf der Bühne stand. Er versucht sich mit kleinen Aufträgen über Wasser zu halten und leitet auch gelegentlich Theater-Workshops. Darüber gelangt er vertretungsweise in ein Gefängnis, wo er auf ein paar unmotivierte bis widerspenstige Häftlinge trifft, die vor allem eins mitbringen: Langeweile. Bis jetzt haben sie im Workshop französische Fabeln auswendig gelernt – sonst nichts. Mit Etienne machen sie Stimm- und Sprechübungen, sie improvisieren und kommen ein wenig in Schwung, so dass Etienne die Idee hat, mit ihnen ein Theaterstück aufzuführen, und zwar im kleinen Rahmen der Haftanstalt. Er erkennt tatsächlich künstlerisches Potenzial in den Männern, die zunächst einmal für jede Abwechslung und jede halbwegs sinnvolle Beschäftigung dankbar sind. Als die Aufführung erfolgreich wird, geht Etienne seinen großen Plan an: Er möchte mit den Häftlingen „Warten auf Godot“ auf die Bühne bringen. Dafür braucht er die Unterstützung der Gefängnisleitung, doch mit seiner Begeisterung und seinem Optimismus steckt Etienne alle an.

Obwohl der Verdacht nahe liegt, ist „Ein Triumph“ keine einfache Sozialkomödie über die Resozialisierung von Strafgefangenen, sondern viel eher eine ziemlich raffinierte Geschichte über die Wirkung und die Bedeutung von Kunst und künstlerischer Betätigung. Dabei liegt natürlich das Hauptaugenmerk auf den Häftlingen, wobei jederzeit klar ist, dass diese Männer alles andere als harmlose Unschuldslämmer sind. Über die Gründe, warum sie im Gefängnis gelandet sind, wird wenig gesagt – es gibt ein paar Andeutungen, aber keine klaren Aussagen dazu. Jeder von ihnen hat seine eigene, individuelle Geschichte, meist mit mehr Tiefen als Höhen, und jeder von ihnen hat bestimmte individuelle Talente und Fähigkeiten, von denen sie zumindest zu Beginn des Films kaum etwas ahnen. Sie sind sich vor allem in ihrer Abneigung gegenüber dem Gefängnis einig. Etienne fungiert ihnen gegenüber eigentlich nicht als Talentscout – er gibt selbst zu, dass er eigentlich kein Regisseur ist, aber getrieben von seiner Begeisterung für das Theater und vielleicht auch von seiner Frustration angesichts seiner eigenen Erfolglosigkeit sieht er in den „Godots“, wie sie bald im ganzen Knast genannt werden, eine Chance für sich selbst. Dabei hofft er, dass die Selbstbestätigung, die er selbst erfährt, auch für „seine“ Schauspieler gilt. Ein bisschen patriarchales Machtdenken ist vielleicht auch noch dabei: Etienne schätzt es offensichtlich sehr, mal im Mittelpunkt zu stehen und anderen Anweisungen zu geben. Deutlich weniger ausgeprägt ist da seine soziale Ader – er will und kann für die Häftlinge nicht die Vaterrolle übernehmen, und seine psychologischen Fähigkeiten sind ebenfalls stark begrenzt. Dennoch hinterlässt seine Arbeit Spuren bei den Knackis, die mit fortschreitender Probenzeit immer mehr als Team zusammenwachsen. Auch Etienne verändert sich …

Was für eine wunderbare Rolle für den Charakterdarsteller Kad Merad, der auch sehr komisch sein kann! Unvergessen seine Hauptrollen in „Willkommen bei den Sch’tis“ (Teil 1 und 2) und seine Darstellung des Sportlehrers Chabert in „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. Er gibt dem Etienne eine schöne Ambivalenz, immer ein bisschen naiv und gutgläubig, aber andererseits durchaus zielstrebig. Eigentlich kann Etienne gar nicht energisch werden, aber manchmal muss er mit der Faust auf den Tisch hauen. Die unterschiedlichen Galgenvögel sind allesamt echte Typen, wobei sich der Regisseur Emmanuel Courcol offensiv darum bemüht, die üblichen Klischees von Knastbrüdern, Schließern und Sozialarbeitern außen vor zu lassen. Er versucht, einen realistischen Rahmen zu schaffen – die gesamte Story beruht auf einer wahren Geschichte, die sich in den 1980er Jahren in Schweden zutrug.

Wenn es darum geht, in einem zusammengewürfelten Haufen von Männern verborgene Talente zu entdecken, ist „The Full Monty“ („Ganz oder gar nicht“, 1997) sicher der All-time-Komödienklassiker. Auf den Plätzen folgen weitere Komödien, davon gleich mehrere über synchronschwimmende Männer. Wenn es um schauspielende Männer im Knast geht, legten die Gebrüder Taviani mit „Cesar must die“ im Jahr 2012 einiges vor. „Ein Triumph“ vereint die besten Aspekte aus beiden Filmen, wobei der Humor eher leise und verhalten bleibt, also mehr Lächeln als Schenkelklopfen, mehr feinsinniges Lächeln als Krawallkomik. Einige wenige Situationen sind in ihrer Absurdität wirklich sehr komisch – und das passt ja zum Theaterstück und zu Samuel Beckett, der als wichtigster Vertreter des Absurden Theaters gilt. Sein mit Abstand berühmtestes Stück ist „Warten auf Godot“. Dabei entsteht die Absurdität aus der ebenso komischen wie nutzlosen Sinnsuche mehrerer verschiedener Personen, die sich, besonders in „Warten auf Godot“, stellvertretend für unterschiedliche Menschentypen deuten lassen. Das Warten, die Sinnlosigkeit ihres Tuns, die ewig gleichen Abläufe … all das kennen die Häftlinge aus dem Gefängnis. Aber was geschieht tatsächlich mit den Gefangenen durch die Theatererfahrung? Wie kommen sie mit ihrer neuen Aufgabe zurecht? Was macht die Kunst mit ihnen, wenn sie Kunst machen? – Davon erzählt Emmanuel Courcol in dieser herzerwärmenden Komödie.

Gaby Sikorski, programmkino.de