Eva Lichtspiele

Blissestraße 18
10713 Berlin
U Blissestrasse oder Bus 101, 104, 249
Tel.: 030 / 922 55 305
Wir zeigen heute,
Sonntag, den 26.09.2021:


11:00 Eva:
Arrow Paolo Conte - Via con me

13:15 Eva:
Arrow Paw Patrol: Der Kinofilm

15:30 Eva:
Arrow The Father ( DF)

18:00 Eva:
Arrow Diagnose Demenz - ein Schrecken ohne Gespenst

20:30 Eva:
Arrow Mitgefühl

Eintrittspreise

Der Rausch

... Endlich auch in den Eva-Lichtspielen !
... von So (12.9.) bis Di (14.9.) täglich um 20:30 Uhr in den Eva-Lichtspielen !


„Die Jagd“- und „Das Fest“-Regisseur Thomas Vinterberg wollte mit seinem neuen Film „Der Rausch“ eine Ode an den Alkohol erzählen. Das Endergebnis ist nun weder ein Lobgesang noch eine Verunglimpfung des hochprozentigen Gesöffs, sondern eine gleichermaßen komplexe wie faszinierende Studie darüber, wie Alkoholkonsum die Probleme unserer Gesellschaft widerspiegelt.

FILMKRITIK:

Martins (Mads Mikkelsen) beste Zeiten sind vorbei. Der Gymnasiallehrer geht seinen Schülern mit einschläferndem Unterricht, seiner Ehefrau mit ständiger Abwesenheit und sich selbst mit seinem Selbstmitleid auf den Geist. Eines Abends, es ist der 40. Geburtstag eines guten Freundes, werden sich Martin und seine Freunde und Lehrerkollegen Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) ihre eintönigen Lebens bewusst – und fassen Hals über Kopf einen Entschluss: Getreu des norwegischen Philosophen Finn Skarderund, der vor rund 20 Jahren die umstrittene These aufstellte, dass jeder Mensch mit 0,5 Promille zu wenig Alkohol im Blut zur Welt kommt – ein solcher Alkoholwert also dem Idealzustand entspricht – wollen sie diese gewagte Äußerung auf ihre Realitätstauglichkeit testen und ihren Promillepegel fortan konstant auf 0,5 halten. Zunächst scheint sich dieses Wagnis zu rentieren: Zwischen Martin und seinen Schülern läuft es besser, auch mit seiner Frau hat er das erste Mal seit Wochen wieder leidenschaftlichen Sex. Doch der kontrollierte Exzess hat auch seine Schattenseiten…

Wenn man sich diese Inhaltsbeschreibung von Thomas Vinterbergs nunmehr 12. Kino-Spielfilm „Der Rausch“ so durchliest, kann man sich auf den ersten Blick denken, wie die Geschichte weitergeht: Natürlich wird aus dem Spaß irgendwann Ernst. Die Freunde verlieren die Kontrolle über ihr vermeintlich wissenschaftliches Experiment und befinden sich plötzlich mittendrin in einer massiven Alkoholsucht. Irgendwie liegt es ja auch nah, einen Film über den Genuss von Alkohol automatisch mit der Veranschaulichung seiner Gefahren zu verbinden – denn es gibt sie nun mal. Allein hierzulande gelten rund 1,77 Millionen Männer und Frauen zwischen 18 und 64 Jahren als alkoholsüchtig. Entsprechend häufig findet dieses Thema in der bevorzugt dramatischen Popkultur Erwähnung. Das wohl aktuellste Beispiel: Bradley Coopers Regiedebüt „A Star is born“, das 2019 auf vielen Bestenlisten des Kinojahres zu finden war. Doch da ist ja auch noch der Faktor Thomas Vinterberg, der sich mit seinen Filmen zwar nicht scheut, sozialkritische Themen in durchaus anstrengend-zermürbende Dramen zu verpacken, der in letzter Instanz aber immer auch diesen einen besonderen Dreh findet, um seine Inhalte eben nicht eindimensional-plakativ an den Zuschauer heranzutragen, sondern mannigfaltig und komplex.

Insofern wundert es auch nicht, dass „Der Rausch“ ursprünglich ein Film über den Genuss und die Sonnenseiten des Alkohols werden sollte. Spurenelemente des – im wahrsten Sinne des Wortes – Rauschhaften erhält der Film auch immer noch. Allein das herausragend choreographierte und gefilmte Ende, wohl eines der besten, die jemals gedreht wurden, beschwört das positive Gefühl eines Alkoholrausches herauf, ohne sich um die Konsequenzen zu scheren. Die gibt es auch. Vorher. Wenn Vinterberg das konsequent auf seinen wissenschaftlichen Charakter konzentrierte Experiment eskalieren lässt. Doch es ist eben nicht der Alkohol, der in „Der Rausch“ zum Problem erklärt wird – die hier im Fokus stehenden Protagonisten sind reflektierte, fest im Leben stehende Männer, die sich zwar an der Idee vom dauerhaften Besoffensein erfreuen, die den Ursprung ihres Experiments – die philosophischen Thesen Finn Skarderunds – jedoch jederzeit ernst nehmen. Es wird sogar penibel darüber Buch geführt, wie der Alkohol die Freunde und ihre Selbst- und Umweltwahrnehmung verändert.

Dass die Situation eskaliert, ist daher nicht (nur) dem Alkohol geschuldet; Er bringt die brodelnden Konfliktherde und Krisen der Hauptfiguren lediglich an die Oberfläche. Es ist ein durchaus kontroverser Ansatz, den Vinterberg hier verfolgt, wenn er den Alkohol als Brandbeschleuniger quasi verteidigt – am Ende ist es einfach gesünder, seinem Unmut freien Lauf zu lassen und nicht alles in sich reinzufressen. Doch selbst dieser vermeintliche Erkenntnisgewinn bringt die Quintessenz von „Der Rausch“ nicht auf den Punkt. Am Ende ist Alkohol weder eine Lösung, noch keine – vielleicht ist das die größte Provokation.

Antje Wessels, programmkino.de